Brohl:

„Stolpersteine“

Zur Geschichte der Juden in Brohl

Auszug aus der Rede von Torsten Uerz anläßlich der Verlegung der Stolpersteine

am 23. August 2014 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Sehr geehrte Gäste,

in Brohl lebten bis 1942 zwei jüdische Familien eng nebeneinander und miteinander: die Familie Marx und die Familie Gärtner. Ihre Wohn- und Geschäftshäuser standen bzw. stehen noch hier an dieser Stelle, wo heute Gunter Demnig die Stolpersteine für sie verlegt.

Ihnen, Gunter Demnig, möchte ich zuerst danken, dafür, dass Sie diese Form der Erinnerung entwickelt haben. Sie haben mit dem „Stolperstein“ ein Medium gefunden, das überall dort, wo es verlegt ist, verstanden wird: Hier, genau an dieser Stelle begann im Dritten Reich ein Leidensweg, meistens hin zum Tode! Auch wenn mehr als 6 Millionen Juden dieses Schicksal erleiden mussten, außerdem viele Kranke und Andersdenkende getötet wurden, so ist jedes Menschenleben, das das Dritte Reich vernichtet oder vertrieben hatte, ein individuelles Schicksal.

Das betrifft auch die Menschen aus Brohl, die diesen Weg gehen mussten: Amalie Marx und ihr Bruder Issak, dessen Ehefrau Jetta Marx geborene Bender, die Töchter Frieda, Hedwig und Helene. Eine ganze Familie hat das Dritte Reich in Treblinka, Theresienstadt, Auschwitz und Zamosc vernichtet.

Von der Familie Simon und Paula Gärtner geborene Hayum überlebte die Tochter Mathilde – ein kleiner Trost. Ihr Bruder Jakob wurde nach Polen deportiert. Von insgesamt 10 Mitgliedern der beiden Familien nur eine Überlebende!

Wenn ich mir das vergegenwärtige, dann erklärt sich von selbst, warum mir und vielen anderen die Verlegung der „Stolpersteine“ so wichtig ist! Noch leben Menschen, die eine persönliche Erinnerung an unsere früheren jüdischen Mitbürger haben: Sie waren Nachbarn, pflegten selbstverständlich gut nachbarschaftliche Kontakte, sie kauften in deren Geschäft ein, sie feierten gemeinsam die verschiedensten Feste. Sie können sich aber an den Umschwung erinnern, zum Beispiel, als in der Reichskristallnacht das Geschäft von Moses Marx zerstört wurde, und dass der Lehrer den Kindern befahl, die im Judengeschäft gekauften Dinge wieder zurückzubringen.

Alfons Klinkner kann sich erinnern, wie Isaak Marx kurz vor der Deportation seinem Vater einen Leuchter brachte mit der Bitte, ihn aufzubewahren. Er erinnert sich noch gut, wie die beiden Familien ihre wenige Habe packten, auf einen Wagen aufluden und sich von ihrer Heimat für immer verabschiedeten - und keine Chance auf eine Rückkehr hatten, wie die Geschichte gezeigt hat.

Zwei Familien mussten Brohl verlassen – zwei Familien kamen nie mehr wieder zurück, auch Mathilde Gärtner nicht, die 1945 in den USA geheiratet und eine eigene Familie gegründet hat. Der Leuchter wurde nach dem Krieg tatsächlich abgeholt, aber wir wissen nicht, wer die entfernte Verwandte war, die sich bei dem früheren Nachbarn und späteren Ortsbürgermeister meldete. Gestatten Sie mir, dass ich das wenige, was wir noch wissen, Ihnen darlege: Hier an dem Platz standen früher die zwei Häuser, in denen die beiden Familien wohnten bzw. ihr Geschäft hatten. Sie gehörten der Familie Marx, die Familie Gärtner lebte in dem Geschäftshaus von Moses Marx zur Miete.

Moses Marx war Kolonial- und Viehhändler. Außerdem war er Kantor in der Synagoge Binningen. Brohl hatte keine eigene Synagoge, sondern in Binningen waren die Synagoge und der Friedhof für die Juden der umliegenden Dörfer.

 

Die drei Töchter sind alle um 1910 herum geboren. Sie waren Anfang bis Mitte 20, als das Dritte Reich begann. Helene und Hedwig heirateten 1933 beziehungsweise 1939 und zogen zu ihren Ehemännern in die Nähe von Aurich. Frieda konnte fliehen – wann, das ist nicht mehr herauszufinden, auch nicht, wohin. Spanien oder Frankreich? Die gesicherten Nachrichten betreffen leider ihren Todesweg: sie war im Transport Nr. 74, der am 22. Mai 1944 vom Internierungslager Drancy bei Paris nach Auschwitz ging. Ob sie zu denen gehörte, die direkt in die Gaskammer geführt wurden, das wissen wir auch nicht.

Ihre Schwester Hedwig konnte noch mit ihrem Mann Josef Seckel im November 1939 nach Brüssel flüchten – aber auch sie wurde aufgegriffen und von 1944 von Mechelen nach Auschwitz deportiert. Während ihrer etwa vierjährigen Emigration in Brüssel sorgte ein Soldat aus dem benachbarten Möntenich, dass der Kontakt zwischen ihr und den Eltern nicht abriss. Er war der Briefbote. Um sich nicht verdächtig zu machen, konnte er das Haus der Familie Marx nicht betreten. Deshalb war der „Briefkasten“ die nachbarliche Wohnstube.

Von der Familie Gärtner wissen wir leider sehr wenig. Auch sie lebte vom Handel, hatte allerdings keinen Hausbesitz. Sie hatte Teile des Geschäftshauses von Moses Marx gemietet und lebte dort. Auf welchem Weg der Tochter Mathilde wahrscheinlich 1938 die Flucht in USA gelang, wissen wir nicht. Ich kann nur sagen, ich freue mich sehr, dass wir wenigstens eine Überlebende des Holocausts für Brohl nennen können. Dass ihr Stolperstein heute fehlt, liegt daran, dass wir noch dabei sind, ihre Spuren nach zu verfolgen.